Sinn und Zweck des Obstbaumschnittes
Über den Sinn des Schneidens der Bäume ist schon viel geschrieben worden und über den Zweck wurde nicht minder viel debattiert.
Doch um es gleich vorweg zu nehmen: Die allermeisten Obstbäume müssen mal geschnitten werden! Die jüngeren häufiger (jedes Jahr), die Ertragsbäume etwas seltener (etwa alle zwei Jahre) und die Altbäume nur noch hin und wieder (alle zwei bis 10 Jahre).
Warum? Unsere obsttragenden Gehölze (mit Ausnahme vielleicht der Walnuss) bilden jährlich, oder alternierend alle zwei Jahre große Mengen an schweren Früchten. Diese sind für die Äste, an denen sie wachsen, so eine Last, dass es sie nach unten zieht. Werden die Bäume dann nicht bestimmungsgerecht beerntet und die Früchte bleiben so lange hängen, bis sie von alleine abfallen, erleichtern sich die Äste bis zum Winter nicht und weil sich im Herbst die Ausreife der jungen unverholzten Äste und des äußeren Jahrringes vollzieht, verholzen ja „erstarren“ die Äste in ihrer herabgeneigten Position.
Im darauffolgenden Frühjahr treiben dann bevorzugt Oberseitenknospen an diesen Ästen aus, welche häufig kerzengerade in die Krone hineinwachsen. Werden diese belassen, bilden sich an ihnen im zweiten Jahr wieder Blüten und dann Früchte, welche sie herabziehen.
Dieses Spiel wiederholt sich, wenn der Mensch nicht formend eingreift und bringt über die Jahre unglaublich dichte und verworrene Kronen mit nicht seltenen Astbrüchen, auch aufgrund von Wind.
Nun bin ich ja Baumpfleger und deshalb fühle ich mich gedrängt, bei dem Anblick eines solchen Baumes direkt die Säge und die Schere zu zücken. Doch die Zeit meiner Praxis hat mich auch gelehrt, mich in manchen Fällen zurückzunehmen und den Baum ungeschnitten zu lassen.
Warum das? Dies sei hier an einer Gegenüberstellung verdeutlicht:
| Contra Baumschnitt | Pro Baumschnitt |
| Dicht verwachsene Kronen bieten vielen Tieren Unterschlupf und Nistmöglichkeiten | Ausgelichtete Kronen zeigen größere Zuwächse und größere Früchte |
| Ungepflegte Bäume können einzigartige Charaktere und Landschaftselemente werden | Gepflegte Bäume sind ordentlich, strukturiert und beernt- und bekletterbar. |
| Einige Bäume wachsen von sich aus so, dass außer geringen Korrekturen kein Eingriff vonnöten ist. | Man kann immer Verbesserungen bewirken, weil die Natur nicht unser Verständnis von Ordnung teilt. |
Kurz und gut: Man muss einen Baum nicht schneiden, wenn er:
- Als Brut- und Nistbaum gilt
- Als Solitärbaum das Landschaftsbild prägt
- Nicht beerntet werden soll
- Zudem bruch- und standsicher ist
In den meisten anderen Fällen ist der pflegerische, sprich formgebende und systematisierende Schnitt unserer Obstbäume angezeigt. Die Vorteile eines fachgerechten Schnittes sind mannigfaltig:
- Junge Bäume bekommen dadurch überhaupt erst einen stabilen und langlebigen Aufbau
- Die Krone kann übersichtlich und für die Ernte praktisch gegliedert werden
- Sämtliche Äste können durch den Schnitt gelenkt werden, wodurch z.B. an Straßenbäumen das Einwachsen in den Fahrbahnbereich frühzeitig verhindert wird, ohne starke Schnitte vorzunehmen
Mehr und Konkreteres zum Thema Baumschnitt gibt es unter „Techniken und Regeln“.