Veredeln

Die Kulturtechnik des Kombinierens zweier Gehölze wird Veredeln genannt, weil hier gezielt versucht wird, gute Eigenschaften der unterschiedlichen Sorten miteinander zu vereinen. Das Wissen um diese Möglichkeit, „Schöpfer“ zu spielen, ist schon etliche tausend Jahre vorhanden. Doch was die Natur so einerseits willig mit sich geschehen lässt, begrenzt sie auf der anderen Seite auf das Schärfste: Mitnichten ist es durch das Veredeln möglich, beliebige Gehölzarten miteinander zu verschmelzen! In einem engen taxonomischen Möglichkeitsrahmen bewegt sich hier die Freiheit des Veredlers. Zwar kann er frühreife mit spätreifen Äpfeln, schwachwachsende mit starkwachsenden Kirschen veredeln. Ja sogar die Kombination aus Birne und Quitte, bzw. Birne und Eberesche und Weißdorn funktioniert. Jedoch hat es noch nie jemand geschafft, einen Apfel auf einer Birnenwurzel lebensfähig zu machen! Geschweige denn auf einem Gehölz aus einer anderen botanischen Familie. Wir sind also demütig und führen voller Bewunderung für diese geheimnisvolle Fähigkeit der Natur die Veredelung so aus, dass sie funktioniert. Denn dies ist keine Selbstverständlichkeit, sondern hängt von der Übung und der Sorgfalt des Veredelers ab!

Nun also zum Praktischen:

Zum Veredeln sind einige Werkzeuge nötig:

-Rosenschere für die Triebe

-Rosenschere für die Wurzeln

-Okulationsmesser

-Veredelungsmesser für die Kopulation, Geißfußpfropfen o.ä.

-Desinfektionsmittel

-Fleico-Band (sehr dehnbares Naturkautschuk-Band)

-Lac-Balsam (Wundverschlussmittel, kaltflüssig), oder flüssiges Bienenwachs

-Etiketten

-Wachs-Stift, Edding o.ä.

-Veredelungsbuch

Man überlegt sich im Vorfeld der Veredelung, WAS man WIE OFT auf WELCHE Unterlage veredeln möchte. Diese Planung kann man sich einfach in ein kleines Buch schreiben und hält sich dann bei der Durchführung daran. Im nächsten Jahr hat man dann schnell die Mengen vom Vorjahr vor Augen und kann daraufhin wieder neu planen. Erst wenn diese Planung erfolgt ist, werden Unterlagen bestellt.

Um systematisch vorzugehen, beginnt man mit einer Edelsorte (zum Beispiel: ‚Alkmene‘) und holt auch nur diese hervor, alle anderen Reiserbündel verschwinden wieder vom Tisch! Das gleiche mit den Unterlagen: Nur die zu verwendende Unterlage (zum Beispiel: ‚M7‘) liegt auf dem Tisch und hat ihren Wurzelschnitt schon erhalten. Diese Sorte wird nun so oft veredelt, wie man es in der Planung vorgesehen hat (zum Beispiel 8 mal). Die fertigen Veredelungen werden in einen größeren Pflanztopf gesteckt, dessen Boden mit Erde bedeckt ist. Nachdem ‚Alkmene‘ auf M7 fertig ist, wird ein Etikett mit folgender Aufschrift gemacht: 8x  Alkmene    M7.  Die acht Veredelungen werden nun mit Fleico-Band zusammengebunden, und zwar so, dass die Wurzeln auf der gleichen Höhe anfangen und sich oben die Veredelungsstellen nicht berühren! Dann kommt das Etikett an das Bündel und dieses wird dann im Pflanztopf in Erde eingeschlagen.

Jetzt wird aufgeräumt: Sämtliche Schnipsel von Fehlversuchen des Kopulationsschnittes (s.u.), alle Fleico-Bandreste, alle übrigen Unterlagen werden vom Tisch entfernt. Das Veredelungsmesser und die Rosenschere werden desinfiziert! Die nächste Unterlage kommt auf den Tisch und es geht weiter. Nachdem ‚Alkmene‘ fertig veredelt wurde, werden ALLE Reste der Reiser vom Tisch entfernt: Entweder man bündelt sie und tut das Etikett wieder dran, um später noch einige Veredelungen machen zu können, oder man wirft sie auf den Boden. NICHTS wird vom Boden wieder aufgehoben, um damit weiter zu veredeln, denn es ist dann Dreck daran und wer weiß, ob man das richtige Hölzchen aufgehoben hat? Der Sorgfältigkeit in der Abgrenzung der Sorten sollte man sich keine Grenzen setzen!

Die Veredelungsarten

Das Kopulieren

Das Kopulieren, auch Winterhandveredlung genannt, wird im Winter durchgeführt, wenn die Jahrestriebe verholzt und die Knospen fertig angelegt sind. Unterlage und Edelreis sollten an einer Stelle gleichdick sein. Nun nimmt man das Edelreis in die linke Hand und hält es sich waagerecht mit der Spitze nach links nah vor den Bauch. Das Messer wird in der rechten Hand ebenfalls nah vor den Bauch gehalten. Nun erfolgt ein möglichst langer, schräger Schnitt, der das Edelreis durchtrennt. Dieser Schnitt führt genau an einer Knospe vorbei, welche man sich aussucht und vor dem Schnitt nach unten dreht.

Ist der Schnitt erfolgt, wird das Messer beiseitegelegt. Mit der Rosenschere wird dann das Hölzchen drei bis vier Knospen oberhalb des schrägen Schnittes abgetrennt. Dieser kurze Stift ist das, was es später zu einem ganzen Baum bringt!

Bei diesem Schnitt ist es sehr wichtig, wo genau er gesetzt wird: Da aus dieser Knospe später der Stamm wachsen soll, muss der Austrieb möglichst senkrecht und ohne Kurvenwuchs (Bajonettwuchs) erfolgen können. Schneidet man zu tief, sprich, in die Knospe hinein, treibt diese im Frühjahr nicht aus. Schneidet man zu weit von der Knospe entfernt ab, lässt also einen „Stummel“ oberhalb der Knospe, so passiert es, dass der Austrieb zunächst mehr waagerecht geht, sich dann aufrichtet, wie es für Pflanzen typisch ist (Heliotropismus) und so eine Kurve bildet, die schwierig anzubinden und gerade zu bekommen ist.

Man kann sich nun den Stift mit dem geraden Ende zwischen die Zähne klemmen. Dann verliert man ihn nicht.

Nun sucht man an der Unterlage eine gerade Stelle ohne Knospen oder Astansätze in 10 – 20 cm Höhe über dem Wurzelansatz, die so dick ist, wie der Stift. Anhaftende Erde wird mit einem trockenen Tuch abgerieben. Nun erfolgt ein möglichst langer schräger Schnitt, der die Unterlage an der ausgesuchten Stelle durchtrennt. Auf dem unteren Foto sieht man eine etwas andere Schnittführung für den Kopulationsschnitt. Diese ist daumenschonend, kann aber nur mit etwas Übung präzise, also als gerader Schnitt ausgeführt werden.

Sind nun beide Schnitte deckungsgleich, werden sie schnell aufeinandergedrückt. Hierbei ist es wichtig, dass die beiden Kambien aufeinanderliegen, denn nur dann erfolgt ein Zusammenwachsen! Nun wird die Veredelung in die linke Hand genommen und mit der Rechten ein Fleico-Band gegriffen. Mit diesem wird die Kopulationsstelle eingewickelt. Das Band soll Stabilität geben; also wickelt man es schön stramm herum. Es ist sehr dehnbar!

Hernach wird mit einem Pinsel LacBalsam aufgetragen: Die Veredelungsstelle und die Schnittfläche am Ende des Stiftes. Bei der Veredelungsstelle kann der ganze umwickelte Bereich eingeschmiert werden. Die Schnittfläche oben ist aber die deutlich wichtigere Stelle: vergisst man hier das Versiegeln, kann der Stift austrocknen und wächst dann nicht an!

Nun wird die fertige Veredelung in einen Topf gestellt, der zu ¼ mit Erde gefüllt ist. Es folgt die nächste Veredelung der gleichen Sorte auf der gleichen Unterlage. Hat man solch ein Sortiment fertig, wird es gebündelt und in Erde eingeschlagen (s.o.).

Die mit den fertigen Veredelungen gefüllten Töpfe müssen nun wie folgt behandelt werden: Damit die Veredelung anwachsen kann, muss es möglichst warm sein. Die Pflanzen sollen nicht trocknen, brauchen daher immer mal wieder Wasser und zuletzt darf es nicht zu hell sein, denn es ist noch Winter und die Bäumchen sollen erst im Frühjahr austreiben. Man benötigt also einen warmen, dunklen Raum, in dem gewässert werden darf. Bei mir ist das der Raum, wo die Pufferspeicher von der Holzheizung stehen. Nur frostfrei allein reicht m.E. nicht aus, da dann physiologische Vorgänge nicht so in Gang kommen, wie sie es sollten und die Veredelung möglicherweise unzureichend anwächst. Das merkt man dann im Frühjahr, wenn nach dem Blattaustrieb kein Wachstum stattfindet, oder der Austrieb im Sommer plötzlich trocken fällt, weil die Wasserversorgung der Wurzeln abreißt.

Nach meinen jüngsten Erkenntnissen ist es ohne Weiteres möglich, die Edelreiser bis in den Frühsommer hienein so zu lagern, dass sie „grün“ bleiben, also nicht eintrocknen. Allerdings dürfen sie auf keinen Fall schimmeln! Dafür muss die Luftfeuchtigkeit und Temperatur überwacht werden. Nimmt man die Winterhandveredelung dann im Frühjahr (April, Mai) vor, kann man gleich mehrere Vorteile davon haben: Die Witterung ist bereits deutlich milder, was ein Warmstellen der Veredelungen unnötig macht und man nun auch einfach Bäume im Freiland veredeln kann. Der Erfolg der Veredelung kann nach kurzer Zeit schon überprüft werden, weil ein Austreiben in den nächsten 10 Tagen möglich ist. Wenn eine Veredelung nach zwei Wochen nicht ausgetrieben ist, kann man noch einen neuen Versuch starten.