Techniken und Regeln I: die Wuchsgesetze

Es gibt unzählige Bücher und Webbeiträge über das Thema Obstbaumschnitt. Man kann dazu Kurse besuchen, die zwischen zwei Tagen und zwei Jahren dauern und auch nach all dieser Lehre kann es sein, dass man einfach nicht genau weiß, wie es geht. Keine Sorge!

Man findet den Zugang dazu eigentlich nur über das Machen. Der Grund dafür ist der, dass alle gedanklich hilfreiche Vereinfachung und Schematisierung letztlich nur dazu beiträgt, dass man das Gelernte nicht auf den konkreten Fall draußen anwenden kann. Denn KEIN Baum wächst wie der andere! Jeder einzelne Baum ist so einzigartig, wie es jeder Mensch auch ist. Modelle und Idealsierungen gehen somit eigentlich an der Wirklichkeit vorbei und können niemals die ganze Realität abbilden. Deshalb sind sämtliche Schnittregeln relativ zu sehen und Begriffe wie der der „Saftwaage“ sogar einfach falsch, weil es den idealen Fall, dass alle Leitäste auf der gleichen Höhe mit der gleichen Steigung und der gleichen Dicke aus dem Stamm wachsen, nicht gibt!

Was es aber gibt und was sich auf alle Bäume übertragen lässt, sind die sogenannten Wachstumsgesetze. Derer gibt es fünf wichtige, welche zu beherrschen sehr vorteilhaft ist und einem viele, wenn nicht alle, Entscheidungen beim Schneiden eines Baumes leichter fallen lassen.

Daneben gibt es eine Schnittmethode, die ich hier ebenfalls ausführen möchte, weil sie die Physiologie des Baumes aufgreift und zwar so, dass er zu einer oberirdischen Ausdehnung geführt wird, die ihm genetisch möglich ist. Die also mit dem Baum arbeitet. Es ist dies die sogenannte Oeschberg-Methode von einem Herrn Spreng aus dem schweizerischen Ort Oeschberg. Entwickelt um das Jahr 1920. Diese Methode ist bis heute in der Anwendung und hat einige Variationen und Erweiterungen erfahren.

1.    Das Gesetz der apikalen Dominanz

Als Apikale kann bei den Pflanzen auch die „senkrechte Spitze“ genannt werden. Damit ist jede Triebspitze gemeint, welche sich nach der Sonne der Aufrechten zubewegt. Diese Spitzen, diese (annäherungsweise) senkrechten Triebe bekommen von der Pflanze die meiste Aufmerksamkeit in Form von Nährsalzen und Wasser aus der Wurzel. Dadurch wachsen sie am kräftigsten. Die Apikaldominanz wirkt so lange in einem Gehölz, bis es seine genetisch festgesetzte bzw. standortspezifisch maximal mögliche Wuchshöhe erreicht hat. Dann erschöpft sich der Drang des Wachsens nach oben. Man kann das auch beobachten und sehen, dass die Jahreszuwächse mit dem Baumalter abnehmen. Sollte ein Jungbaum noch seine 60 – 80 cm Zuwachs im Jahr haben, so sind es bei einem Altbaum vielleicht noch 1 – 5 cm.

Das Gesetz der apikalen Dominanz besagt nun, dass immer die höchsten Spitzen im Baum die größten Stücke des Kuchens abbekommen, die beste Wasser- und Nährsalzanbindung an die Wurzel haben und, durch Phytohormone gesteuert, diese Bevorzugung auch behalten.

Schneidet man einer Tanne die Spitze ab (Kappung), so wetteifern die obersten Knospen um die Führung. Dies können sehr viele sein und man bringt den Baum durch solch eine Maßnahme in die größte Unregelmäßigkeit und Unordnung. Deshalb steht dieses Wuchsgesetz an erster Stelle! Mit einer Kappung kann man Bäume töten, verunstalten, zu übermäßigem Wuchs befeuern, oder, richtig ausgeführt, zu einer Ordnung seiner Glieder zurückführen.

Bei Birnenbäumen sieht man das häufige Phänomen, dass der Stamm, bzw. die Baumspitze mächtig in die Höhe wächst, die Seitenäste aber samt und sonders kurz, dünn und flach wachsen. Hier kann man zur richtigen Zeit mit der richtigen Eingriffsstärke die Spitze soweit herabsetzen, dass dem Baum die Möglichkeit gegeben wird, die unteren Äste wieder nach oben mitwachsen zu lassen, sodass sich ein ausgewogenes Verhältnis von der Baumspitze zu den Spitzen der Leit- und Seitenäste einstellt. Man spricht hier von einer Pyramidenkrone. Die Spitzen der höchsten Äste und die Spitze der Stammverlängerung sollten einen Innenwinkel von etwa 120° haben. Dies kann um 10° nach oben oder unten variieren. Hat man solch ein Höhenverhältnis geschaffen, wird der Baum bei kontinuierlicher Pflege in den Folgejahren die Spitze im Vergleich zu den Leitästen nur mäßig stärker wachsen lassen.

Schneidet man hingegen die Spitze zu weit herunter, dass sie unter die höchsten Astspitzen gerät, verkümmert sie bei einigen Bäumen, oder braucht entsprechend lange und sorgfältige weitere Schnittpflege, um sich wieder an ihre Position des höchsten Punktes im Baum zu setzen.

2.    Das Gesetz der Blattmasse

Dieses Gesetz ist visuell nur im Sommer anwendbar und muss sich im laublosen Zustande eher erdacht werden. Generell gilt aber, dass je mehr Seitenäste und kleinere Verzweigungen ein Leitast hat, umso mehr Blattmasse trägt er auch.

Das Gesetz besagt, dass die Äste mit der meisten Blattmasse die größten Zuwächse haben, weil sie am produktivsten sind, also den Austausch von Lebenssaft (Assimilate, Nährsalze) mit der Wurzel am stärksten betreiben.

Man kann über dieses Gesetz die Gewichtung steuern, mit der der Baum seine Äste und die Stammmitte (letztlich auch als ein Ast anzusprechen) fördert, oder zurücklässt.

Hat man beispielsweise zwei ungleich starke Leitäste im Baum und möchte sie einander etwas angleichen, dann kann man dem blattmassereicheren Ast eine oder einige Verzweigungen entnehmen, um ihn dem schwächeren Ast anzunähern. Dafür schneidet man zunächst den Letzteren, um zu sehen, wieviel man dem starken Ast entwenden muss. Aber Vorsicht: schneidet man einen Ast auf diese Weise sehr stark zurück, wird er als Reaktion auch sehr stark neutreiben. Dann hat man vielleicht keine Reduktion der Blattmasse erreicht, sondern lediglich einen radikalen Umbau des betreffenden Astes.

Das Verhältnis der Blattmasse mehrerer Äste ist auch nicht absolut zu sehen, sondern immer prozentual. Bei einem jungen Baum können daher schon 10 Blätter einen Unterschied von 50% machen, während Selbiger bei einem ausgewachsenen Gehölz gar nicht wahrnehmbar ist. Im Winterzustand ist also immer der komplette Ast von seinem Quellpunkt am Stamm, oder dem nächst übergeordneten Ast bis zu seiner Spitze mitsamt aller Seitenäste und Kurztriebe zu betrachten und mit den anderen Ästen derselben Ordnung im Baum zu vergleichen. Dies klingt nun erstmal ziemlich theoretisch und mathematisch, ist aber durch etwas Übung im Anschauen ganz praxistauglich und anwendbar.

3.    Das Gesetz des Astwinkels

Mit dem Astwinkel ist der Winkel gemeint, den man zwischen dem Ast und dem Stamm, bzw. zwischen zwei Ästen erkennen kann. Generell geht es immer um die Annäherung an die Senkrechte, welche hier in Betracht kommt.

Dieses Gesetz besagt nun, dass ein Ast, je steiler er steht, umso stärker wächst. Dieses Prinzip haben nicht alle Baumarten inne, denn es gibt auch diejenigen, welche trauernden, oder Schleuderwuchs aufweisen. Hier wachsen die Äste auch nach unten stark. Bei den meisten unserer Obstbäume liegt aber keine solche Abart vor. Einzig einige Birnensorten neigen zum Schleuderwuchs, welcher sich dadurch auszeichnet, dass die jungen Triebe bald nach oben, bald zu Seite wachsen und keine starre Linie oder klare Bögen verfolgen.

Wird ein Ast hinuntergebogen, wächst er in der Folge schwächer, als derjenige, welcher steil steht. Dieses Prinzip machen sich die Obstbauern zunutze, die jedes Jahr die neuen Triebe waagerecht binden, um den Trieb zu beruhigen und zusätzlich die Anlage von Blüten zu erzwingen. Als Reaktion treiben meistens Oberseitenknospen aus und bilden starke senkrechte Triebe. Um in diese beiden Tendenzen, also die des ruhigen waagerechten und die des senkrechten wilden Treibens eine Ordnung zu bekommen, werden die Obstbäume nach der Oeschbergmethode so geschnitten, dass alle bleibenden und somit gerüstbildenden Äste nach außen und oben streben, also ein Mittelding zwischen waagerecht und senkrecht erreichen. Dieses umzusetzen bedarf der Übung und ist dann die Profession des gelernten Obstbaumpflegers. Solcherart erzogene Äste sind allzeit stabil genug, dem Fruchtgewicht standzuhalten und bieten im Inneren der Baumkrone genügend Platz für die Äste an der Stammmitte und natürlich auch zum Hineinklettern bei der Pflege oder der Ernte.

4.    Das Gesetz der Position im Baum

Mit der Position im Baum ist die Stelle gemeint, an der ein Ast entspringt und an welcher er endet. Entscheidender als das Astende ist aber zunächst sein Quellort.

Dieses Gesetz besagt, dass je höher ein Ast aus dem Stamm entspringt, umso mehr Wuchsleistung zeitigt, weil die oberen Bereiche der Krone stärker gefördert werden, als die unteren.

Nun gibt es natürlich auch Äste, welche ganz unten in der Krone entspringen, sich aber mit der Zeit bis fast zur Spitze hinaufgearbeitet haben, oder von Anfang an so angelegt wurden. Diese haben die Nachteile dieses Gesetzes überwunden.

In Betracht kommt es auch eher dann, wenn man pflegerisch in den Baum eingreift: Schneidet man nun einen Ast weit oben im Baum stark zurück, wird selbiger deutlich kräftiger wieder austreiben, als der gleiche Eingriff bei einem Ast im unteren Kronenbereich.

Ein Baum, dessen Stammmitte übermäßig stark wächst, lässt seine Äste im unteren Kronenbereich verkümmern und vergreisen und bildet stattdessen weiter oben kräftige Seitenäste aus. Wird solch ein Baum nun in der Höhe so stark reduziert, dass die vormals unteren Äste nun oben in der Krone sind, wird sich der Baum ihrer erinnern und sie alsbald wieder kräftig austreiben lassen.

5.    Das Gesetz der Aststärke

Das letzte zu erwähnende Wuchsgesetz befasst sich mit der Dicke der Äste. Bäume haben die Eigenschaft, dass sie zum Winter hin diejenigen Nährstoffe, die in den Blättern enthalten sind, zurückziehen und im Stamm, der Wurzel und auch in den Ästen einlagern. Je dicker der Ast dabei ist, umso mehr kann und wird dort eingelagert werden.

Dieses Gesetz besagt also, dass aufgrund der Menge an Reservestoffen die dickeren Äste mehr Austriebskraft haben, als die dünneren.

Bedenkt man dieses Gesetz beim Schneiden, dann kann man vorhersagen, wie stark die Wuchsreaktion ausfallen wird, wenn man einen dicken Ast stummelt im Vergleich zu der gleichen Maßnahme bei einem dünnen Ast. Natürlich spielen hier dann auch das Gesetz der Blattmasse, das Gesetz der Position im Baum und die generellen Lichtverhältnisse mit hinein!

Dies führt mich zu dem Fazit:

Keines der fünf dargestellten Wuchsgesetze ist isoliert zu betrachten und zu berücksichtigen! Bei jedem Schnitt sind alle beteiligt und zeigen in unterschiedlicher Intensität ihre Auswirkung. Daher tut man gut daran, diese Gesetze zu studieren, sie zu verinnerlichen, dann auf den Baum anzuwenden und unbedingt im nächsten Sommer auf die tatsächliche Reaktion des Baumes zu schauen. Denn dieser zeigt einem dann, welches Wuchsgesetz bei welchem Schnitt am meisten zum tragen gekommen ist. Hier ist der Baum wieder der Lehrmeister: Er tut nur das, was in seiner Natur liegt und wird nichts Unlogisches zutage fördern. Wir als Baumpfleger sind dann die Schüler, die falsch gedacht und/oder falsch gehandelt haben! Vielleicht aber reagiert der Baum auch genau so, wie wir es uns vorgestellt und bezweckt haben. Dann gibt es gute Gründe zum Freuen😊