Techniken und Regeln IV: das Anschneiden
Diese Technik ist eine sehr wichtige und sollte bei jedem Baumschnitt regelmäßige Anwendung finden. Bei den Bäumen lässt sich die Wuchsrichtung eines Astes sehr gut steuern, wenn man die Technik des Anschneidens und die des Knospenausbrechens beherrscht und beherzigt.
Anschneiden bezeichnet in der Baumpflegepraxis das Einkürzen von ein- bis dreijährigen Ästen. Vorraussetzung ist, dass man noch die Knospen erkennen und Blatt- von Blütenknospen unterscheiden kann.
Erklären will ich den Anschnitt jetzt an einem einjährigen Trieb. Dieser hat ausnahmslos Blattknospen gebildet. Will ich diesen nun einkürzen, um ein kräftiges und zielgerichtetes Austreiben zu bewirken, so muss ich mindestens ein Drittel des Triebes abschneiden und den Schnitt einen Zentimeter oberhalb derjenigen Knospe ansetzen, welche in die Richtung zeigt, in die der Ast weiterwachsen soll. Eigentlich wählt man dazu immer eine Unterseitenknospe aus. Da unsere Obstgehölze fast alle aus der Familie der Rosengewächse stammen, verteilen sich ihre Knospen so im Kreis um den Trieb herum, dass immer die sechste Knospe exakt über der ersten steht. Wenn man also einen Jahrestrieb eines Apfelbaumes in die Hand nimmt und ihn senkrecht vor sich hält, wählt man eine Knospe aus, die zu einem hin gerichtet ist. Zählt man nun fünf Knospen weiter nach oben, so wird man sehen, dass die fünfte genau über der zuerst anvisierten steht. Möchte man nun also im Baum einen Anschnitt vornehmen, so suche man zunächst den Punkt, an dem man ein Drittel des Triebes entfernen würde. Weiter sucht man nun die Unterseitenknospe die in Richtung der Triebbasis als nächstes kommt. Mit der Rosenschere nimmt man nun den Schnitt einen Zentimeter oberhalb dieser Knospe vor, sodass diese also nun die oberste in dem verbleibenden Trieb ist und selbiger nach einem Zentimeter Stummel glatt endet. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird diese Knospe im nächsten Frühjahr austreiben und den Trieb so fortsetzen, dass er zunächst nach unten und außen, dann nach außen und oben wächst, wie ein Bajonett. Der behandelte Ast bringt, wenn man das Anschneiden im nächsten und allen darauf folgenden Wintern genauso vornimmt, eine breit ausladende, aber in die Höhe strebende Wuchsform an, welche sehr stabil und nach einigen Jahren der Verdickung und Verholzung auch begehbar ist. Das Belassen des einen Zentimeter langen Stummels oberhalb der angestrebten Knospe hat den Grund, dass im Falle eines ungünstigen Frostes nur der Stummel abfriert, nicht jedoch die schöne Knospe Schaden nimmt. Würde man glatt über derselben abschneiden, würde sie erfrieren und eine weiter unten liegende Knospe, aber dann eben eine, die nicht die gewünschte Wuchsrichtung verfolgt, würde austreiben.